Piraterie im Regenwald

Wie transnationale Konzerne Wissen und genetische Ressourcen plündern: Viele Leute leiden unter Hausstaubmilben-Allergie. Was für ein Glück, dass aus den Laboren der deutschen Arzneimittelfirma Hexal jetzt ein ganz neues Produkt auf den Markt gekommen ist: Ein Spray, das, einmal auf Kissen und Decken gesprüht, die Milben aus dem Bett vertreibt. In jahrelanger Forschung haben die Expert_innen erkannt, dass aus bestimmten Extrakten des in Indien beheimateten Neem-Baumes ein Mittel herstellbar ist, dass die kleinen Milben gar nicht gut riechen können. Hexal ist natürlich nicht die einzige Firma, die in diese Richtung Forschung betreibt.

Moment mal. Wie kommen die Forscher_innen denn darauf, plötzlich auszuprobieren, ob ein indischer Baum gegen europäische Hausmilben wirkt?
Die Antwort lautet: dank intensiver Bioprospektion. Dieser Begriff meint das Sammeln und Testen von biologischem Material auf mögliche Verwendungsarten. In der Praxis sieht das häufig so aus: Forschungsteams aus Unis und Unternehmen, meist finanziert von großen Konzernen, reisen in Gegenden, in denen noch mehr Artenvielfalt („Biodiversität“) zu finden ist als z.B. in Deutschland. Da landen sie dann meist in Ländern des globalen Südens, wo weite Teile der Erdoberfläche noch von Regenwald oder ähnlichen „Megadiversitätszentren“ bedeckt sind. Die Teams suchen und sammeln eigentlich Pflanzen. Ganz wichtig ist aber auch der Kontakt, den sie zur lokalen Bevölkerung aufbauen. Im Urwald kennt die sich nämlich meist besser aus als die Wissenschaftler_innen. Vor allem die traditionellen Heiler_innen wissen, welche Pflanze wie angewendet werden muss, um gegen bestimmte Krankheiten zu wirken. Sie haben also genau das Wissen, das die Expeditionsteams brauchen.
Bei der Rückkehr in ihr Herkunftsland können sich die Teams oft über prallgefüllte Koffer mit biologischem Material sowie über einen reichen Wissensschatz freuen, den ihnen die Lokalbevölkerung gegeben hat.
Ebenso war es beim Neembaum. Dieser wird in Indien seit Jahrhunderten als „Wunderbaum“ verehrt. Die Menschen gewinnen aus ihm biologische Düngemittel, um ihr Land fruchtbar zu machen, und vorwiegend aus dem Öl seiner Samen auch Heilmittel gegen viele Krankheiten. Von Generation zu Generation wurde das Wissen um seine heilende Wirkung weitergegeben. So konnten beispielsweise die Extraktionsverfahren für das Neembaum-Samenöl immer weiter verbessert werden. Alle wurden am Wissen beteiligt; durch den regen Austausch untereinander konnte ein Vorteil für alle geschaffen werden. Mitte der 1980er-Jahre führten US-amerikanische Firmen Bioprospektionsreisen in Indien durch. Dort lernten sie den Neembaum und seine vielen Verwendungsmöglichkeiten kennen.

Sogleich ließen US-amerikanische, japanische und europäische Konzerne sich Heilanwendungen mit Neembaum-Samenöl patentieren – obwohl sie selbst überhaupt nichts dazu getan hatten. Ein Patent wird normalerweise nur auf neue Erfindungen gegeben. Dass das Wissen um die Heilkraft des Neembaums seit Jahrhunderten in Indien bekannt ist, störte aber niemanden, da die Pflanze für die westlich geprägte Welt ja gerade erst „entdeckt“ worden war. Die plötzliche Nachfrage nach Produkten aus Neem führte dazu, dass in Indien uralter Mischwald gerodet werden musste, um Neembaumplantagen anzulegen. Außerdem wurden die Samen teurer. In der Folge konnten sich plötzlich die indischen kleinbäuerlichen Betriebe die Samen nicht mehr leisten. Sie waren somit gezwungen, sich als abhängige Rohstofflieferanten in die Produktionskette einzureihen und sie konnten ihre eigenen selbstversorgenden Betriebe nicht mehr halten. Die Patentierung und Produktion von Arzneimitteln aus Neemöl führten also zu Zerstörung alter Lebensweisen und Gesellschaftsstrukturen, verringerten die genetische Vielfalt durch einseitige Landwirtschaft und machten die Bäuerinnen und Bauern von großen Konzernen abhängig. Und das, obwohl die Firmen ohne die Hilfe der Bäuerinnen und Bauern nie von den Verwendungsmöglichkeiten der Neembaumprodukte erfahren hätten.

Aufgrund dieser vielen negativen Aspekte, die fast immer mit Bioprospektionsprojekten einhergehen, sprechen manche hier auch von „Biopiraterie“. Dieser Begriff meint die Aneignung von genetischen Ressourcen und jahrhundertealtem, überliefertem Wissen. Private Unternehmen, aber auch öffentliche Institutionen bedienen sich nicht nur an der natürlichen Vielfalt, sondern sie nutzen auch das Wissen der Bevölkerung durch Rechte auf „geistiges Eigentum“ und durch Patente – hier jedoch nicht auf Erfindungen, sondern auf Angeeignetes. Von Piraterie wird gesprochen, weil die Bevölkerung grundsätzlich nicht an Gewinnen beteiligt wird. Wie auch beim Beispiel des Neembaumes entstehen ihr durch die Weitergabe des Wissens sogar Nachteile.

Dass kostenlose Wissensweitergabe enorme Vorteile hat, wird ersichtlich aus den vielen Weiterentwicklungen, die nur aufgrund von offenem Dialog zwischen Menschen überhaupt möglich geworden sind und uns jetzt den Alltag erleichtern. Dass Wissen überhaupt zur Ware gemacht wird, hat also nur einen Grund: Die Vermehrung des Vermögens einiger weniger – auf Kosten vieler anderer. Die Beanspruchung von Ideen und Wissen ist meist äußerst kontraproduktiv und hemmt die Forschung durch fehlenden Austausch. Dieser Einsicht soll mit dem Argument der „Wettbewerbsförderung“ Einhalt geboten werden. Es müssten finanzielle Anreize geschaffen werden, um Forschung attraktiv zu machen. Letzten Endes profitieren von den Forschungsergebnissen aber nicht die Wissenschaftler_innen selbst, sondern nur die großen Unternehmen, die die Produkte vermarkten. Somit wäre eine Zahlung von Prämien für neue Forschungsergebnisse oder direkt eine öffentliche Finanzierung der Wissenschaft sicherlich ergiebiger. Außerdem könnte so mehr kontrolliert werden, unter welchen Bedingungen überhaupt geforscht wird und wer wirklich Anteil an den neuen Erkenntnissen hat – beziehungsweise ob diese überhaupt so „neu“ sind, wie sie angepriesen werden.

Ani K.

Dieser Artikel erscheint in unserer utopia-Themenreihe „Ideenliebe“. Mehr Informationen zur Themenreihe findest du hier: Artikel: „Neuer Schwerpunkt: Wer Ideen liebt…

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