Der Kern der Krise

Die europäische Schuldenkrise im Ganzen verweist über die akuten Fragen des richtigen Krisenmanagements und die handfesten Probleme der betroffenen Menschen hinaus, auf die zentralen Widersprüche, auf das eigentliche Wesen unserer Gesellschaftsform und ihrer Synthese, also der Art wie sich unsere Gesellschaft zusammenfügt.

Auch wenn es uns nicht bewusst zu sein scheint, weil es sich nicht immer offensichtlich und nicht immer in seiner hässlichsten Art und Weise zeigt (auch weil wir im Bewusstsein und Unterbewusstsein diszipliniert wurden), so leben wir dennoch in einer Ausbeutungsgesellschaft, national wie global. Das was Marx, und nicht nur er, den Mehrwert nannte, wird nach wie vor abgeschöpft. Unsere Arbeit (die Lohnarbeit) ist nach wie vor fremdbestimmt. Und nach wie vor ko zentriert sich der Großteil des gesellschaftlichen Reichtums in den Händen einer kleinen Minderheit, obwohl er von uns allen geschaffen wird. Der Schlüssel zu diesen drei verstörenden Phänomenen ist die Ausbeutung der Arbeit. Also die Abschöpfung des Mehrwerts, des Mehr an Wert eines Produkts, das die Arbeitskosten übersteigt.i

Doch es gibt eine “natürliche” Begrenztheit der Ausbeutung. Auf der einen Seite verhindert eine breite Marginalisierungii der arbeitenden (und der nicht arbeitenden) Bevölkerung den für die Profitwirtschaft notwendigen Massenkonsum. Marginalisierte Menschen kaufen keine Autos, Handys, Häuser, fahren nicht in den Urlaub, schließen keine Versicherung ab etc., sie kaufen nur das Nötigste. Prekär beschäftigte und ausgeschlossene Menschen gibt es dennoch, eine arbeitsteilige und maschinenintensive- bzw. wissensbasierte Moderne macht es möglich. Aber diesen “Randexistenzen” muss eine zahlungskräftige, mehr oder weniger breite Mittelschicht gegenüberstehen, was jedoch durch die Ausweitung der Ausbeutung stets bedroht wird. Auf der anderen Seite wird die Ausbeutung, unter Umständen, von der Revolte, oder auch der “Flucht der Arbeit”iii begrenzt. Wo entsprechende Strukturen und/oder Traditionen existieren, oder der Leidensdruck groß genug ist, wird eine marginalisierte Arbeiterschaft und Bevölkerung aufbegehren, in Form von Streiks, Boykotts, Sabotage, oder nacktem Aufruhr.

Zeichnung: Findus

Diese beiden Aspekte begrenzen das Ausmaß der Ausbeutung und damit auch das Ausmaß der abgeschöpften Gewinne, der Profitraten. Aber in einer Wirtschafts- und Gesellschaftsform, die auf unbegrenztem Wachstum fußt, stellen die Begrenzung des Wachstums, die Begrenzung der Ausbeutung, die Begrenzung des abzuschöpfenden Mehrwerts ein Problem dar. Ein elementares, ja gerade existenzielles Problem. Für dieses Problem fand die moderne Welt in den letzten Jahrzehnten eine bestechende und ebenso problematische Antwort: Den allgegenwärtigen Kredit.

Anstatt die gegenwärtige Arbeit immer weiter auszubeuten, wird die Arbeit der Zukunft herangezogen, mittels der ständigen Präsenz des Kredits, der Schuldenmacherei, und des Zinses. In den letzten Jahrzehnten verschuldeten sich die Mehrheit aller Staaten und die Mehrheit aller Haushalte in den postindustriellen Ländern dramatisch, und zwar mit System. Diese systematische Verschuldung löste zeitweilig das Problem, dass die Arbeit nicht ungehindert ausgebeutet werden konnte und die Märkte nicht mehr wuchsen. Aber auch hier finden wir eine “natürliche” Begrenzung vor. Die generelle Finanzierung auf Kredit, und vor allem der Schuldendienst auf Kredit stoßen früher oder später ganz zwangsläufig an ihre Grenzen. Die Grenzen der Bedienfähigkeit des Schuldendienstes, die Grenzen des Vertrauens der Gläubiger, dass all diese Kredite je zurückbezahlt werden, die Grenzen der Ausbeutungsfähigkeit der Arbeit, der Gegenwart als auch der Zukunft.
Die derzeitige Schuldenkrise ist im Kern nichts anderes als die verselbstständigte Fortführung, im Grunde nur die stringente Konsequenz der Grundlagen unserer gesellschaftlichen Synthese: Auf der einen Seite die Ausbeutung der Arbeit zu Gunsten Weniger, auf der anderen die Begrenztheit des Ausbeutungspotentials. Einige Staaten haben sich soweit verschuldet, dermaßen die Wertschöpfung der Zukunft belastet, dass sie unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht in der Lage sind, den Finanzmärkten glaubhaft zu machen, dass sie diese Schulden zurückzahlen bzw. die für den Schuldendienst nötigen Summen erwirtschaften können. Erschwerend kommen die Spekulationen auf den Verlust der Zahlungsfähigkeit hinzu, die auch wegen steigender Zinssätze, also höherer Profite der Gläubiger, betrieben werden. Um künftig diese Schuldenproblematik auf Staatenebene zu vermeiden, müssten die großen Vermögenshalter, also die Nutznießer des Gesellschaftsaufbaus herangezogen werden, um eine solide Finanzierung, jenseits des ständigen Kredits zu ermöglichen. Auf der Privatebene könnten eine solide Entlohnung und fair regulierte, niedrig verzinste Kredite helfen, in den Händen von selbstverwalteten, genossenschaftlichen oder auch öffentlichen, aber streng beauftragten und regulierten Banken.

Aber um das Problem der Schuldenfalle als Verlängerung des Ausbeutungsverhältnisses unserer Gesellschaftsform wirklich zu lösen, radikal, im Sinne “an der Wurzel gepackt”, müssen wir den Gegensatz zwischen ausgebeuteter Arbeit und gesellschaftlichen Reichtum aufheben. Wir müssen die Trennung zwischen Arbeit und Kapital auflösen. Mehr noch, wir müssen die Arbeit, die abstrakte, fremdbestimmte, ausgebeutete, entfremdete Arbeit abschaffen. Ebenso wie das Kapital, das geronnene, von uns getrennte Produkt der Arbeit. Wir müssen uns befreien, von jeder nicht-selbstbestimmten, nicht-nützlichen, nicht-lustvollen Produktion, von jeder nicht-selbstbestimmten Gesellschaftssynthese. Der Kampf für eine solche befreite Gesellschaft beginnt mit unserem Protest gegen jede Art unsozialer, menschenverachtender und zerstörerischer Politik. Er führt über die Rückeroberung des öffentlichen und des privaten Raumes, der Politik, der Wirtschaft und der Freizeit in freien, selbstverwalteten, solidarischen, schlicht menschlichen Organisationsformen. Und er endet erst mit einer Gesellschaft frei von Ausbeutung, Gewalt, Zerstörung und Herrschaft, in all ihren Formen und Farben.

Simon E. Trimpin

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