Psychiatrie: Ein krankes System
Die Menschen oder die Irrenanstalt – wer ist hier krank?
Wenn ein Mensch „verrückt“ wird, dann bietet die Gesellschaft keine Unterstützung zur selbstständigen Lebensführung, sondern Aussonderung: die Psychiatrie. Die Geschichte zeigt, wie willkürlich Menschen weggesperrt werden.
Die heutigen psychiatrischen Einrichtungen haben sich gleichzeitig mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise entwickelt. Einer Zeit, zu der durch die Industrialisierung immer mehr Arbeitskräfte benötigt wurden und in der nicht arbeitsfähige Menschen zunehmend negativ auffielen. Tagelöhner, Bettlerinnen und eben auch die „Irren“ passten nicht in die „aufstrebende Gesellschaft“ und wurden in den neu geschaffenen „Arbeitshäusern“ ausgesondert – den Vorläufern der heutigen psychiatrischen Krankenhäuser. Die Psychiatrie wurde weniger als Hilfe für Kranke denn als politisches Machtinstrument gegründet. Das bedeutet nicht, dass sie Menschen keine Hilfe sein kann. Es zeigt jedoch, wie Psychiatrie politisch begann und wie sie auch heute noch oft funktioniert: mit Zwang.
Solange von einer Fremd- oder Eigengefährdung ausgegangen wird, kann der Patient gegen den eigenen Willen in der Psychiatrie festgehalten werden. Die Person kann auch dazu gezwungen werden, bestimmte Medikamente zu nehmen,. Geregelt ist dies im „Psychisch-Kranken-Gesetz“ (PsychKG), einem Gesetzeswerk, welches unter anderem auch bestimmt, wann eine Patientin ans Bett gefesselt werden darf, um ruhig gestellt zu werden. Fragwürdig sind solche Maßnahmen nicht nur im Hinblick auf die Freiheitsberaubung, sondern auch vor dem Hintergrund, dass es nach wie vor sehr unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, was überhaupt eine psychische Krankheit ist.
Ein „Erkrankter“ mag sich nicht als solcher empfinden und doch von anderen als gefährlich eingestuft werden. Der Aufenthalt in einer Psychiatrie läge dann vielleicht nahe. Auch nach dem Gesetz kann man nicht einfach Menschen wegsperren, jedoch liegt diese Entscheidung in die Hand der Gesellschaft und deren jeweiligen Auffassungen. Dass solche Einschätzungen willkürlich sein können, zeigt das Beispiel der Sowjetunion. Dort wurden politisches Andersdenken teilweise als „atypische Schizophrenie“ eingestuft. Politische Gegner konnten auf diese Weise einfach aus dem Feld geräumt werden.
Ist die Psychiatrie also ein politisches Machtinstrument?
Das in den 1970ern gegründete „Sozialistische Patientenkollektiv“ ging sogar noch weiter. Seine Mitglieder sagten, dass nicht nur die Behandlung politisch orientiert sei, sondern dass die psychische Erkrankung selbst direkt durch die politischen Verhältnisse ausgelöst würde. Ihre Idee, dass „was Krankheit genannt wird, eigentlich der individuelle, bewusstlose Ausdruck der gesellschaftlichen Widersprüche im Kapitalismus“ sei, findet sich heute vielleicht wieder in den Menschen, welche am so genannten „Burn-Out“-Syndrom leiden. Immer mehr Menschen kommen nicht mit dem Druck zurecht, dem sie in der kapitalistischen Gesellschaft durchgängig ausgesetzt sind. Und die Antwort? Hoffentlich keine geschlossene Einrichtung.
Helen S. (21)







