Ein dunkler Raum, an einem Tisch sitzt ein Herr in Hemd und Krawatte. Ihm gegenüber der Arbeiter Johann Schönberger, gespielt von Manfred Möck: zurückhaltend, abwartend, ein wenig verunsichert. So beginnt der Film „Der Staat irrt nicht“, den die Utopia 2008 vorstellte.
Die Ausgangslage
Der Mann ist Vertreter eines „Ministeriums für Friedenserziehung“. Er klagt Schönberger an und befragt ihn. Der Vorwurf lautet: Verbrechen gegen den Staat. Zunächst kann sich Schönberger an nichts erinnern, nach und nach kehrt die Geschichte zurück.
Dem Verhörspezialisten geht es allerdings nicht um eine möglichst harte Strafe. Er sagt sinngemäß, man teile Menschen in überzeugte Anarchisten und fehlgeleitete Bürger ein. Wer bereit ist, sich in das System einzufügen, bekommt eine zweite Chance.
Ein System mit demokratischem Etikett
Im Gespräch durchschaut Schönberger langsam die Mechanismen dieses Staates. Er nennt sich Demokratie, doch die Bürgerinnen und Bürger gelten nicht als kompetent genug mitzuentscheiden. Dadurch gerät Schönbergers bisheriges Weltbild ins Wanken, das von Vertrauen in das System geprägt war.
Der Film arbeitet vor allem mit Gesprächen und mit Fragen, die er offenlässt:
- Ist es anmaßend, über die Arbeit von Politikern zu urteilen, wenn man nicht die ganze Bandbreite dieser Arbeit kennt?
- Ist es die erste Aufgabe des Staates, die Sicherheit seiner Bürger zu garantieren, oder soll er individuelle Bedürfnisse erfüllen?
- Haben wir bloß die Illusion unendlicher Freiheit?
Warum der Film lohnt
Die Rezension hält den Film für spannend, weil er Diskussionen anstößt. Wer ihn gesehen hat, wird wohl lange über Gehorsam, Vertrauen und die Grenzen staatlicher Fürsorge reden. Die Utopia sah ihn 2008 als besonders aktuell an, in „Schäuble-Zeiten“. Gemeint war die damalige Debatte um Überwachung und neue Sicherheitsgesetze unter Innenminister Wolfgang Schäuble.
Auf der offiziellen Website des Ministeriums für Friedenserziehung, die zum Film gehört, gab es weitere Informationen. Ob sie noch erreichbar ist, haben wir hier nicht geprüft.
Was an dem Stoff trägt
Die Verhörsituation ist ein klassisches Mittel, um politische Fragen zuzuspitzen. Es gibt zwei Personen, einen Raum und ein Machtgefälle. Dadurch werden Begriffe wie Sicherheit, Staat und Freiheit greifbar. Der Titel „Der Staat irrt nicht“ zeigt zudem, wie schnell Autorität zum Selbstzweck werden kann.
Was das heute bedeutet
Die Fragen des Films sind nicht an eine Zeit gebunden. Immer wieder wird darüber gestritten, wie viel Überwachung für mehr Sicherheit hinnehmbar ist und wer darüber entscheidet. Dass solche Abwägungen offen verhandelt werden, gehört zur Demokratie. Wer den Film nicht kennt, kann die Fragen trotzdem für sich durchgehen: Welche Freiheiten würde ich für Sicherheit aufgeben, und wer kontrolliert die, die kontrollieren? Der Film regt damit zu Gesprächen in Schulklassen, Gruppen oder im Freundeskreis an. Besonders interessant ist, dass er keine fertigen Antworten liefert, sondern das Publikum zum Mitdenken zwingt. Wer so ein Stück sieht, sollte sich fragen, wo im eigenen Alltag Autorität gefragt wird und wo Widerspruch dazugehört.
Quellen: Titelbild: cottonbro studio, Pexels.
