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Rezension: „Die neuen Streiks“ – Geschichte, Gegenwart, Zukunft

Rezension: „Die neuen Streiks“ – Geschichte, Gegenwart, Zukunft

Symbolbild zu: Rezension: „Die neuen Streiks“ – Geschichte, Gegenwart, Zukunft

Streiks gibt es wieder, aber oft laufen sie nach dem gleichen Muster ab. Der Sammelband „Die neuen Streiks“ fragt, was passiert, wenn Beschäftigte aus diesem Muster ausbrechen.

Das Buch

„Die neuen Streiks. Geschichte. Gegenwart. Zukunft.“ erschien im Unrast-Verlag. Herausgeber ist Torsten Bewernitz. Es versammelt Texte verschiedener Autorinnen und Autoren zu aktuellen Streiks, Sabotage, Betriebsbesetzung und Arbeitskampf im Internet. Das Buch hat 192 Seiten und kostete damals 14,80 Euro.

Warum „neu“?

Laut der Rezension wurde in Deutschland wieder mehr gestreikt: Für 2006 nennt sie 429.000 Streiktage, den höchsten Stand seit 1993, für das erste Halbjahr 2007 sogar 530.000 (Stand 2009). Zugleich beschreibt sie den üblichen Gewerkschaftsablauf kritisch: Die Friedenspflicht endet, ein Angebot wird abgelehnt, es wird gerade so viel gestreikt, dass es dem Arbeitgeber nicht wehtut, und am Ende steht ein Tarifabschluss, der die Löhne selten über die Inflation hinaus steigen lässt.

Das Buch widmet sich den „anderen“ Streiks, die von Beschäftigten getragen wurden, die dieses Ritual satt hatten. Drei Konzepte werden behandelt: der wilde Streik (ohne Gewerkschaft, in Deutschland illegal), der Tarifstreik und der ständische Tarifstreik. Beispiele sind:

  • der wilde Streik bei Opel Bochum 2004
  • der Streik beim Flugzeugcaterer Gate Gourmet in Düsseldorf 2005/2006
  • der GDL-Streik 2007
  • die Besetzung der Fahrradwerke in Nordhausen 2007

Autorinnen und Autoren mit Distanz

Bewernitz selbst nennt die Distanz der Schreibenden zu den Geschehnissen zwiespältig. Die meisten stammen aus dem linksintellektuellen Spektrum und haben nur beobachtet; laut Rezension nahm außer Uwe Krug niemand selbst teil. Die Perspektiven reichen von syndikalistisch und operaistisch über marxistisch bis zu bürgerlich-gewerkschaftlich.

Mehr als ein Streikbuch

Der zweite Teil zieht praktische Folgerungen und diskutiert Betriebsbesetzungen, Sabotage, Online-Aktivismus und „Organizing“. Als radikalstes Kapitel gilt der Text von Mag Wompel über Sabotage, die auch Vereinzelten Widerstand ermöglicht. Markus Lawrenz stellt das Forum chefduzen.de vor, das Beschäftigte vernetzt und durch Klagen der Betriebe eher mehr Aufmerksamkeit bekam. Hae-Lin Choi beschreibt den Streik von Reinigungskräften 2006 in Houston als Erfolg des Organizing, das auch Menschen in prekären Jobs erreicht. Stefan Paulus erweitert den Blick auf Reproduktionsarbeit und Geschlechterverhältnisse.

Das Urteil

Der Rezensent lobt, dass das Buch Mut macht und Lohnabhängige als handelnde Akteure zeigt, statt sie auf die Gewerkschaft warten zu lassen. Aus seiner Sicht geht es im Arbeitskampf nicht um böse Manager, sondern um gegensätzliche Klasseninteressen. Er schließt sich der Aussage von Mag Wompel an, dass man einem Klassenkampf von oben etwas entgegensetzen müsse. Gerade in der Wirtschaftskrise, in der sich viele als Opfer von Finanzspekulation fühlten und Gewerkschaften wirkungslos erschienen, sei das ein ermutigender Gedanke.

Was das heute bedeutet

Die Fragen des Buches sind nicht erledigt: Wie organisieren sich Beschäftigte in unsicheren Jobs? Welche Rolle spielen Gewerkschaften, und was ist ohne sie möglich? Die Beispiele sind Stand 2009 und haben sich verändert. Wer sich für Arbeitskämpfe interessiert, findet hier trotzdem Anstöße, auch wenn man die klare Klassenkampf-Perspektive nicht teilt.

Quellen: Titelbild: Nicholas Mageras, Pexels.