Universitäten als Kundencenter und Labore

Gebühren und Zukunft

Wenn studentische AktivistInnen in Polen versuchen, den Bologna-Prozess und die einzelnen Probleme, denen sich Menschen in anderen Ländern kollektiv entgegen stellen, zu verstehen, haben wir oft das Gefühl, Polen ist eines der Länder, welche die Zukunft überholt haben. Nicht enden wollende neoliberale Reformen bezüglich der Universitäten wurden in den armen Ländern Mitteleuopas (Östlicher Teil der EU) schon vor dem Bologna-Prozess verabschiedet. Die Hälfte der Studierenden in Polen muss für ihr Studium bezahlen. Das ist vielleicht der Grund, warum wir den Bologna-Prozess mit Austausch-Programmen in Verbindung bringen, während in Deutschland Gebühren das Hauptproblem sind. Studentische Proteste in Deutschland, Frankreich, Spanien und Kroatien haben sich gegen Ideen in Stellung gebracht, die wir als Alltag erleben.

Die Zergliederung von Interessen

Es ist schwer zu sagen, was es heutzutage bedeutet, ein Studierender zu sein, weil es unterschiedliche Lebenswirklichkeiten gibt. In vielen Ländern gilt es als Menschenrecht, studieren zu können. Manchmal, wie etwa in Dänemark, ist studieren mehr wie ein Beruf, für den Studierende bezahlt werden. Es ist auch schwer dem amerikanischen Beispiel zu entkommen, in dem viele Studierende für niedrige Löhne unterrichten. Auch – oft widersprüchliche – Einzelinterssen beeinflussen unsere Erwartungen und den Gedanken an mögliche Revolutionen.

Sogar in denselben öffentlichen Universitäten unterscheiden sich die Erfahrungen der Studierenden gewaltig, wenn man bedenkt, dass es mindestens vier Gruppen von Studiereden zur selben Zeit gibt. Diejenigen, die:

1)(außerhalb der Hochschule) arbeiten und für ihr Studium bezahlen
2)Nicht arbeiten und für ihr Studium bezahlen
3)Nicht arbeiten und nicht für ihr Studium bezahlen
4)arbeiten und nicht für ihr Studium bezahlen

Alle diese Gruppen sind oft nicht zufrieden mit dem, was sie bekommen. Denke nicht, dass diejenigen, die arbeiten und bezahlen zufrieden wären, du wärst wahrscheinlich sehr überrascht. Du würdest wahrscheinlich fest stellen, dass der Wunsch nach Konsum an Universitäten stärker geworden ist als der Wunsch nach Demokratie. Viele Studierende sagen, dass sie bezahlen (direkt oder indirekt) und einen anerkannten Abschluss haben wollen. Protest, Aufruhr und jeder sichtbare Ungehorsam sind in aus dieser Perspektive falsch, da dies den ökonomischen Wert des als sicher vorrausgesetzten Abschlusses senkt. Es ist auf dem unsicheren Arbeitsmarkt sicherer als disziplinierte/r ArbeiterIn gesehen zu werden, denn als RebellIn. Demokratischer Anspruch ist verkommen von so etwas, wie „Wir sind frei genug, Verantwortung für die Entscheidung unserer Zukunft zu übernehmen“ zu einem empathischen „Wir sind privilegiert und wir bemitleiden diejenigen, die es nicht sind.“

Unternehmensaussichten

Wahrscheinlich sagten deshalb viele Studierende, als der Campus der Universität Gdańsk plötzlich eingezäunt wurde, dass das eine Quelle von Ansehen werden würde. Aber eigentlich wurden Überwachungskameras, uniformierter Wachschutz und Zäune weder von irgendwelchen neuen Möchtegern-Eliten eingerichtet, noch sind sie Nebeneffekte einer Kultur der Angst. Diese Entwicklungen sind vielmehr die Nebenwirkungen von Versicherungsentscheidungen. Neue Universitätsgebäude werden mit Produktgarantien gekauft. Diese Garantien greifen, wenn die Gebäude geschützt sind. Ausgelagerte Sicherheitsfirmen wollen keine Gelände schützen, die nicht eingezäunt sind. Wenn der Zaun einmal da ist, erachten es die Sicherheitsfirmen und die Universitätsleitung immer noch für wichtig, Kosten zu reduzieren und das Risiko aller möglichen Schäden zu minimieren. Die Idee, Wachen durch Kameras zu ersetzen, ist offensichtlich.
Nach einiger Zeit wird die Wurzel aller Übel der Universität ausgemacht; ironischerweise natürlich in den Studierenden. Bittet die Studierenden, die Universität in Zukunft nur noch virtuell zu nutzen; sie scheinen das Internet ja zu mögen. Leere Campusse mit niemandem, der versucht sich irgend etwas zu erkämpfen, können in Zukunft profitable Konferenzcenter sein.

Mobilität und Bewegung

Veränderungen an Universitäten werden mehr oder weniger von Studierenden bemerkt. Die Gründe werden unterschiedlich benannt: Vom Phänomen Massenbildung selbst, über den Bologna-Prozess bis hin zu Kommerzialisierung. Aber es ist nicht so einfach für jeden von uns, zu einer gemeinsamen Aktion zu mobilisieren, weil unsere Erfahrung des Studierens in kleine Stücke geschnitten wurde. Wir sind beschäftigt damit, B.A.-Studierende, M.A.-Studierende und PhD-KandidatInnen zu sein. In der Zwischenzeit werden wir oft international Studierende: Gast- oder Austauschstudierende (Erasmus ist ein bekanntes Beispiel). Es ist gut, Austäusche zu unterstützen. Gute Bildung muss in irgendeiner Weise international sein. Nationalstaaten sind zu klein, um mit so einer großen Aufgabe wie Bildung fertig zu werden. Und glücklicherweise sind sie auch zu groß, um eine einzige Universität zu kontrollieren.Doch wir werden zu oft zu normalen TouristInnen degradiert. Wir werden bedient. Dann werden wir einzeln nach einer Beurteilung der Leistungen im Internet gefragt. Jede/r kritische BeobachterIn kann die Autoritäten auf die Korrektur kleiner Fehler aufmerksam machen.

Das Kundencenter und die Seuche

Niemand will dass Studierende aufhören, beschäftigt zu sein, und auf sich selbst zu schauen. Wir lassen uns von Institutionen durch die Universität führen. Wir werden benötigt und genutzt als Treibstoff für die größten regionalen Unternehmen, die Universitäten heutzutage werden. Eigentlich sind Universitäten zu Reiseagenturen geworden. Wir lernen uns anzupassen, und mit diesen Fähigkeiten sind wir nützlich, die Arbeitswelt noch prekärer zu machen. Wir sind dabei, eine Seuche zu werden und wir haben kein Mittel gegen uns selbst.

Wir haben unsere Fahrkarten. Für einige von uns sind sie kostenlos, wenige werden dafür bezahlt, hier zu sein. Für viel zu viele bedeutet diese Reise Schulden – Sie werden es sich zweimal überlegen, mehr anzustreben als den Bachelor. Wir sollen geplant studieren; wir sollen standardisierte Ziele ansteuern und auf dieser Reise sollen wir keine gefährlichen Ideen bei uns haben, höchstens gut verpackt. Das sind die Regeln des Kundencenters. Niemand erwartet, dass wir das Kundencenter demokratisieren.

Die eigenen Wurzeln neu erfinden

Studierendenbewegungen werden von Anfang an immer sehr leicht international. Gleichzeitig müssen wir aber unseren eigenen lokalen Standpunkt neu erfinden: Für uns, die Menschen da draußen und diejenigen, welche gerne zu uns stoßen möchten. Wir könnten die Kundencenter in Laboratorien verwandeln. Uns wird gesagt, viele Dinge seien unmöglich. Firmen, Medien und gewählte PolitikerInnen arbeiten zusammen hart daran, die Grenzen zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen zu setzen. Wir vergessen oft, dass:
das Unmögliche das nur unter bestimmten Bedingungen Mögliche ist.
Und wir die Bedingungen sind!

In sozialen Experimentierfeldern, in sozialen Laboren, welche Universitäten einmal waren, sollten Studierende sich mit Theorien auseinander setzen. Das ist auch besser, wenn wir lesen, was unsere Edelleute zu sagen haben. Der Beruf des Lehrers als unser letztes Ziel und Ergebnis unserer (sozialen) Experimente ist eine Falle. Es gibt auch die vergessene Tradition, dass Studierende sich ihre Autoritäten wählen. Wir könnten es aber sogar noch besser machen als die Studierenden im Mittelalter. Vielleicht würde es auch gar nicht soviel daran ändern, dass Universitäten Kundencenter sind, aber es wäre gut um zu zeigen, dass wir es sind, die entscheiden, wann wir die Universitäten betreten und wann wieder verlassen.

Piotr Kowzan: Co-Editor der Studierendenzeitung !reVOLT www.krytyczneoko.blogspot.com. Er studierte Wirtschaft an der University of Economics in Wrocław und Pädagogik an der Universität von Gdańsk. Er war Erasmus- Austauschstudent an der Universität von Linköping in Schweden, Gaststudent an der Universität Kopenhagen und momentan forscht er an der Universität von Island auf eigene Kosten für den PhD (Doktor)

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