„Eine andere Welt ist nicht nur möglich, sie ist auch nötig.“ Mit diesem Gedanken blickte die Utopia im Herbst 2007 auf die Proteste gegen den G8-Gipfel zurück. Es war ein Rückblick mit klarer Haltung, den wir hier neu erzählen.
Ein Gipfel am Rand
Politikerinnen und Politiker in der Menge, wie man sie von früheren Gipfeln kannte, gab es nicht mehr. Seit Genua finden die G8-Treffen nicht mehr in großen Städten statt, sondern an abgelegenen Orten. Bundeskanzlerin Merkel hatte Heiligendamm an der Ostsee gewählt.
Eine bunte Demonstration
Die Auftaktdemonstration war überwiegend friedlich. Rund 80.000 Menschen zeigten, dass sie mit der Politik der G8 nicht einverstanden waren. Das Bündnis war breit: Kirchen, Gewerkschaften, das globalisierungskritische Netzwerk Attac, Umwelt- und Naturschutzverbände und antikapitalistische Gruppen zogen gemeinsam zum Rostocker Stadthafen.
Dort kam es zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und einer kleinen Zahl Gewalttätiger. Steine flogen, Autos brannten. Die Polizei ging mehrmals prügelnd in die Menge und setzte Tränengas ein. Organisatoren und die große Mehrheit der Anwesenden lehnten die Gewalt ab.
Das Medienbild
Die Berichterstattung konzentrierte sich trotzdem auf die Gewaltszenen. Aus Sicht der Utopia machte das den Protest weniger glaubwürdig und lieferte nachträglich einen Grund für die Sicherheitsmaßnahmen im Vorfeld. Der Titel „Gipfel hinter Gittern“ spielt auf die Abriegelung des Gipfels an: Die eigentliche Gewalt, so die Kritik, gehe von der Politik der G8 aus. Ein Demospruch fasste die Gegenposition zusammen: Er fragte, wer die Bomben wirft, wer die Kriege führt und wer die Terroristen sind, und antwortete jedes Mal mit „die G8“.
Aktionstage und Blockaden
An den Aktionstagen von Sonntag bis Dienstag ging es um drei Themen:
- das Recht auf Nahrung, denn Menschen hungern auch, weil Großgrundbesitzer das Land haben oder Kleinbauern von großen Saatgutkonzernen abhängen,
- globale Bewegungsfreiheit, weil sich reiche Länder gegen Menschen abschotten, die vor Hunger, Elend, Krieg oder Verfolgung fliehen,
- Antimilitarismus, denn die G8-Staaten lagen bei den Rüstungsausgaben vorn, weit vor ihren Ausgaben für Entwicklungshilfe.
Am Mittwoch begannen die Blockaden der Zufahrtsstraßen. Bei schönem Wetter gingen Tausende durch Felder, um sie zu erreichen. Die Polizei wirkte überfordert und setzte laut Bericht Tränengas und Schlagstöcke gegen friedliche Demonstrierende ein, konnte die Blockaden aber nicht verhindern. Am Donnerstag drangen Greenpeace-Schlauchboote gewaltfrei ins Sperrgebiet vor und forderten wirksamen Klimaschutz.
Magere Ergebnisse
Die Ergebnisse des Gipfels enttäuschten viele. Klimaziele sollten „ernsthaft in Betracht gezogen“ werden. Bei Afrika blieb es bei Versprechen, die schon zwei Jahre zuvor gemacht worden waren. Der Schutz geistigen Eigentums, so die Kritik, hält viele Medikamente weiter unbezahlbar.
Vor Ort erlebten viele Beteiligte aber auch, wie anders es gehen kann. In den Camps und bei den Blockaden wurden Essen, Getränke, Decken und Fahrräder geteilt. Für eine Welt des Miteinanders, so das Fazit, lohnt es sich zu kämpfen.
Was das heute bedeutet
Der Text gibt die Sicht von 2007 wieder. Viele Fragen sind geblieben: Wie viel Gewicht haben große Proteste, wenn Bilder von Krawall die Schlagzeilen bestimmen? Wie lässt sich Kritik an Staaten und Konzernen so vermitteln, dass sie gehört wird? Wer solche Ereignisse einordnen will, sollte mehrere Quellen lesen und zwischen friedlichem Protest und einzelnen Gewalttaten unterscheiden. Die Themen von damals, Ernährung, Migration, Klima und Rüstung, sind weiter Teil der politischen Debatte.
Quellen: Titelbild: Siobhan Howerton, Pexels.
