Atomwaffen halten die Welt in Schach, sagen die einen. Atomwaffen sind das größte Risiko überhaupt, sagen die anderen. Ein Leserbrief an die Utopia-Redaktion brachte diesen Streit auf den Punkt – und bekam eine ausführliche Antwort.
Die Frage des Lesers
Der Leser mochte die Arbeit der Zeitung, widersprach aber an einem Punkt. Ein Artikel hatte sich mit den Atomwaffen befasst, die in Deutschland lagern. Sein Einwand: Gerade diese Waffen hätten seit dem Zweiten Weltkrieg den Frieden bewahrt. Ohne sie wären die Hemmungen der Politik, einen Krieg zu erklären, viel kleiner. Schön sei das nicht, aber leider wahr. Eine Welt ganz ohne Massenvernichtungswaffen wäre zwar besser, sei aber wohl Wunschdenken.
Dieses Argument ist alt und nicht dumm. Es lohnt sich, es ernst zu nehmen.
Das Prinzip der Abschreckung
Hinter dem Einwand steckt die Idee der gegenseitig zugesicherten Zerstörung, englisch „Mutual Assured Destruction“, kurz MAD. Gemeint ist: Wer einen Atomkrieg beginnt, wird selbst vernichtet. Deshalb, so die Theorie, beginnt ihn niemand.
Die Antwort, die der Leser bekam, stammt von einem Redaktionsmitglied. Sie betonte ausdrücklich, dass sie dessen persönliche Meinung wiedergibt. Sie hält dagegen: Die Theorie klingt logisch, die Wirklichkeit sah anders aus.
Frieden war das nicht
Im Kalten Krieg standen sich zwei Blöcke gegenüber, beide atomar bewaffnet. Trotzdem gab es Kriege – etwa in Korea, Vietnam und Afghanistan. Die Großmächte kämpften nicht direkt gegeneinander, sondern unterstützten Kriegsparteien in anderen Ländern. Man nennt das Stellvertreterkriege. Für die Menschen dort war es ganz sicher kein Frieden.
Dazu kommt ein zweiter Punkt: Kann man einen Zustand Frieden nennen, in dem die ganze Welt mit der Angst lebt, dass jeden Moment eine Bombe fällt?
Beinahe-Katastrophen
Das stärkste Argument gegen die Abschreckung ist ihre Fehleranfälligkeit. Beide Seiten bauten Frühwarnsysteme, um einen Angriff rechtzeitig zu erkennen und zurückzuschlagen. Im September 1983 meldete das sowjetische System einen Angriff, der sich später als Fehlalarm herausstellte. Eigentlich hätte die Armee mit einem Gegenschlag antworten sollen. Dass der zuständige Soldat das nicht tat, war nach der Antwort der Redaktion vor allem eines: großes Glück.
Eine Sicherheit, die vom Glück eines Einzelnen abhängt, ist keine.
Abrüsten ist erst der Anfang
Die Antwort ging noch weiter. Die Forderung nach einer Welt ohne Atomwaffen sei nicht isoliert zu sehen. Atomwaffen seien ein besonders deutliches Zeichen dafür, dass in der Welt vieles schiefläuft. Wenn alle Atomwaffenstaaten tatsächlich abrüsten würden, wäre der nächste logische Schritt, Armeen und Waffen insgesamt abzuschaffen. Solange das unrealistisch ist, sei es sinnvoll, wenigstens Minimalforderungen zu stellen. Eine davon: Die Atomwaffen verschwinden, besonders die in Deutschland stationierten.
Was das heute bedeutet
Der Briefwechsel stammt aus dem Jahr 2008, doch die Frage ist nicht verschwunden. Wer behauptet, Waffen machten die Welt sicherer, sollte erklären, wer die Folgen trägt, wenn die Abschreckung versagt. Prüf Argumente für Aufrüstung deshalb immer auf zwei Dinge: Was passiert im Normalfall – und was, wenn etwas schiefgeht? Bei Atomwaffen ist der Fehlerfall nicht reparierbar. Genau deshalb lohnt es sich, Abrüstung zu fordern, auch wenn sie unrealistisch klingt.
Quellen: Titelbild: K, Pexels.
